Der Wiener Dreiteiler

Jacke, Diensthose, Überhose – die Berufsfeuerwehr Wien ließ sich eine dreiteilige Schutzkleidung maßschneidern. Der Firefighter informiert:

“Wir suchten eine Lösung, die hohen Tragekomfort bietet und dabei eine ausreichende Sicherheit garantiert”, so beschreibt Richard Keck (42), Brandrat und verantwortlich für Bekleidung bei der Wiener Feuerwehr, die Ansprüche an die neue Schutzkleidung. Das ist eigentlich nichts Neues, aber bislang hat das noch keine große europäische Berufsfeuerwehr so konsequent umgesetzt wie die Wiener.

Die fortschreitende Europäisierung Anfang der neunziger Jahre erforderte von Magistratsverwaltung und Feuerwehr, sich erneut mit der Einsatzkleidung auseinanderzusetzen. Zudem offenbarte der zu dieser Zeit eingeführte Schutzhelm eine gravierende Schwäche beim Hitzeschutz: Vermehrt waren nach Löscheinsätzen Brandblasen im Schulterbereich aufgetreten. Schnell fand man die Ursache: Der neue Helm schützte die bislang auch als ‚Messfühler‘ wirkenden Ohren so gut, dass die Feuerwehrleute bei der Brandbekämpfung die Hitze viel später merkten. Mit oft tragischer Folge: Heißes Löschwasser und entstandener Heißdampf verursachten gefährliche Verbrennungen.

Lauter Gründe für die Wiener, eine Neuentwicklung ihrer Bekleidung in Angriff zu nehmen. Es stand außer Frage, dass diese Teile zukünftig nicht mehr in den stadteigenen Betrieben direkt gefertigt werden konnten. Leitlinie für das neue Bekleidungskonzept war, den Tragekomfort über den Hitzeschutz zu stellen. Was aber laut Keck nicht bedeutete, nur die Minimalforderungen der Sicherheitsnorm beim Hitze- und Flammschutz zu erfüllen. Das Ziel war – über die Erfüllung der EN 469 hinaus – Sicherheitsreserven zur Verfügung zu haben. Außerdem sollte sich die Bekleidung für Brandeinsätze und die weit häufigeren technischen Einsätze eignen und auch im Sommer getragen werden können.

Zusammen mit Otmar Schneider, Inhaber des Salzburger Konfektionsbetriebes Texport, suchte Keck nach einem für alle überzeugenden Modell. So entstand eine clevere Idee: “Entscheidend war für uns, die bisher verwendete Diensthose in den gesamten Einsatzanzug mit einzuschließen”, fährt Keck fort.

Den Clou des neuen Bekleidungskonzeptes machen letztlich zwei Aspekte aus: die isolierende Wirkung von Luft und die vielfältigen Eigenschaften moderner Funktionsmaterialien. Wird nämlich über der Diensthose noch eine Überhose getragen, entsteht zwischen beiden Teilen eine Luftschicht. Sie fungiert bei niedrigen Außentemperaturen als Wärmeisolator und beim Brandeinsatz als lebenswichtiger Hitzepuffer.
Die zusätzliche, in die Überhose eingebaute Funktionsmembrane gewährleistet den Schutz vor Nässe, Heißdampfdurchschlag und dem Durchdringen unbekannter Flüssigkeiten. Ausschlaggebend für die Wahl der PTFE-Nässesperre war für Keck neben der Leistungsfähigkeit insbesondere die Dauerhaftigkeit der Funktion. So entschied man sich zugunsten eines Bekleidungssystems, das aus drei Komponenten besteht: Diensthose, Einsatzhose als Überhose und Einsatzjacke.

Anfang 1996 wurden die ersten Jacken und Hosen von Texport konzipiert. An der Entwicklung waren namhafte Unternehmen wie Gore und DuPont als Faserproduzenten beteiligt. In enger Zusammenarbeit mit der BF Wien entstand ein Pflichtenheft, nach dem erste Prototypen gefertigt wurden. Zahlreiche Tests führten zu verschiedenen Verbesserungen, wie z.B. dem Einbau von Saugsperren an Frontverschlussleisten und Ärmel- und Jackensäumen der Bekleidung sowie dem “Schnelleinstieg” für die Überhose. Wie bei allen Entwicklungsprozessen verlief auch in diesem Fall nicht alles reibungslos. Bei Beflammungstests am Themoman von DuPont in Genf mussten die Musterteile einem Flash-over von acht Sekunden mit Temperaturen von 600 bis 1000 Grad Celsius standhalten. Dabei kam es zum Einlaufen im Kniebereich der Hosen. Ursache waren unterschiedliche Ausdehnungskoeffizienten der Materialien.
Die Umstellung der Stoffrückseite von Polychlal auf Aramid löste das Problem. Als weitere Besonderheit wurde von Gore für die BF Wien eine Einsatzjacke aus Flameblocker entwickelt. Dies war weltweit das erste Mal, dass eine Berufsfeuerwehr einem Zweilagenlaminat der bislang üblichen Linearkonstruktion als Oberware den Vorzug gab. Der Anzug erhielt nach Durchführung der gesetzlich vorgeschriebenen Baumusterprüfung im Mai 1996 die Freigabe als Schutzkleidung nach EN 469. Die ersten Serienteile wurden im Herbst des gleichen Jahres ausgeliefert, die Vollausstattung war bis Ende 1998 abgeschlossen. Anfang 1999 erfolgte die Umstellung auf die zweite Generation der Jacke, die lediglich ca. 1,4 Kilogramm wiegt und noch bessere Schutzeigenschaften aufweist. Sie erfüllt die Anforderungen der jeweils höchsten Klasse (3/3) in Wasserdichtigkeit und Atmungsaktivität (mit einem Wasserdampfdurchgangswiderstand Ret < 20) der Wetterschutz-Norm EN V 343 und ist auf antistatischen Schutz geprüft.
Mit der neuen Bekleidung verfügen die Einsatzkräfte der BF Wien über einen sehr guten Schutz gegen Hitze und Flammen, Nässe, Wind, die meisten flüssigen Chemikalien, gefährliche Partikel und mechanische Einflüsse. Um die Atmungsaktivität der Uniformen nicht zu beeinträchtigen, sind nur wenige Reflexstreifen angebracht. Farbige Reflexstreifen ersetzen die für Erkennbarkeit und Kommunikation notwendigen Rangabzeichen: gelbe für Offiziere, silberne für Meister und rote für Feuerwehrmänner. Um bei Verkehrsunfällen die Warnwirkung gemäß EN 471 sicherzustellen, tragen die Feuerwehrleute über den Einsatzjacken zusätzlich reflektierende Westen.

Bis heute hat die BF Wien rund 2500 Einsatzanzüge beschafft. Entstandene Schäden an der Bekleidung waren zumeist auf grobe Verschmutzung oder mechanische Einwirkungen zurückzuführen. Zehn Jacken konnten repariert werden. Einige Einsatzjacken der Anfangsserie mussten zwar ausgemustert werden, da das Nomex-Obermaterial bei übermäßiger Hitzebeanspruchung entfärbt war, insgesamt aber liegt die Zahl der ausgefallenen Teile im Promillebereich. Ein Wert, der weit niedriger ist als bei der früheren Einsatzbekleidung aus Mischgewebe.

Das feste Dreilagen-Laminat der Überhose erleichtert das schnelle Ankleiden und bewährt sich darüber hinaus insbesondere bei schlechtem Wetter, im Winter und bei Verkehrseinsätzen. Die Überhose verhindert, dass die Diensthose verschmutzt wird und schützt die Knie durch Materialverstärkung in diesem Bereich. Auch bei der Pflege sind die bisherigen Erfahrungen der Wiener positiv. Im Durchschnitt wurde ein Anzug rund einmal pro Monat industriell gereinigt. Dabei zeigten sich bislang keine nennenswerten Funktionseinbußen oder Verarbeitungsmängel.
Jeder Einsatzdienst tätige Feuerwehrmann besitzt derzeit zwei Garnituren des Anzuges. Zum Schutz der Gesundheit des Trägers, wird bei Bedarf eine davon industriell gereinigt. Bis Ende des Jahres soll jeder Kollege noch eine dritte Garnitur erhalten.
Auch aus wirtschaftlicher Sicht bringt die neue Einsatzkleidung Vorteile. Insbesondere in Anbetracht des gleich bleibenden Bekleidungs-Etats in der Höhe von ca. 10 Millionen Schilling konstatiert Keck: “Mussten früher für jeden Feuerwehrmann fünf Jacken angeschafft werden, die gerade mal zwei Jahre aushielten, lässt sich jetzt die neue Bekleidung, bei reduzierter Stückzahl, voraussichtlich drei Jahre tragen.”

Gekürzte und überarbeitete Fassung von: John Hartung: Wiener Dreiteiler. in: Feuerwehr Magazin 4/2000, S. 42-46.

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