Vier Kollegen,
die sich schon seit Jahren in Pension befinden, trafen sich wieder einmal
nahe der Feuerwache Steinhof beim Heurigen. Mit Blick über Wien und bei
guter Fernsicht konnte man bis nach Hainburg zum Hundsheimer Berg sehen.
Wie konnte es auch anders sein als das sich die Gespräche um die fünfunddreißigjährige
Dienstzeit drehten, wo es nicht nur gute sondern auch schlechte Zeiten gab.
So kam das Gespräch auch auf den vor fünfzig Jahren bei einem Einsatz
tödlich verunglückten Kollegen Wilhelm Vrana.
Ein Kollege, der den Beruf des Feuerwehrmannes nicht nur als Beruf sondern
als Berufung empfand, sammelte schon in jungen Jahren Zeitungsausschnitte
über Feuerwehreinsätze. Einen nicht vollständigen Bericht,
dessen Autor uns nicht bekannt ist und Wilhelm Vrana betrifft, wollen wir
hier wiedergeben.
Heizinger
Die Front des Friedens
Der Feuerwehrmann
Wilhelm V r a n a, von dem
hier die Rede sein soll, war knapp 21 Jahre alt, als die Zentrale Am Hof am
4. Mai 1951 um 9:54 Uhr vormittags Großalarm gab. Gegen 16 Uhr explodierte
auf dem Gelände der Floridsdorfer Azetylenwerke eine Stahlflasche. Eine
von den fünfhundert, die an diesem Tag in die Luft flogen, nachdem ein
Quarzsplitter im Wasserabschneider der Komprimierungsanlage eine Brandkatastrophe
ausgelöst hatte, wie sie Wien seit den Tagen des Bombenkrieges nicht
mehr erlebt hatte.
Die Stahlflasche,
die gegen 16 Uhr explodierte, zersprang in tausend Trümmer. Eines davon
traf Wilhelm Vrana. Er wurde von seinen Kameraden mit schweren Kopfverletzungen
blutüberströmt aus dem Inferno der brennenden Azetylenfabrik zum
Rettungswagen gebracht. Vierundzwanzig Stunden später starb er im Unfallspital.
Bis dahin war Vrana einer von vielen. Einer von den 1150 Angehörigen
der Wiener Berufsfeuerwehr. Erst der Tod riß ihn aus der Anonymität
der blauen Uniform, hinter der die Dienstvorschrift das persönliche Schicksal
verbirgt. An seinem Grab sprach ein Stadtrat, der Branddirektor und der Polizeipräsident.
Der Bürgermeister der Bundeshauptstadt Wien warf dem Sarg eine Handvoll
Erde nach. Zwischen den feierlichen Reden über Pflichterfüllung
und Heldenmut erklang das bedeutsame Wort: „Gefallen an der Front des Friedens.“
Der Feuerwehrmann Wilhelm Vrana lebte einundzwanzig Jahre lang das unproblematische Leben eines Wiener Arbeiterkindes. Im Goethe-Hof liegt die kleine, saubere Wohnung der Eltern. Sie waren nicht reich und auch nicht gerade arm. Was ein Heizer bei den E-Werken verdient, brachte der Vater nach Hause. Es reichte aus um den Sohn nach der Hauptschule noch drei Jahre lang eine Fachschule für Maschinenbauschlosser besuchen zu lassen, es reichte für den sauber gedeckten Tisch und schließlich auch noch für einen kleinen Buben aus der Nachbarschaft, den Mutter Vrana zu sich nahm, als ihr das Schicksal das zweite Kind vorenthielt, das sie sich so sehr gewünscht hatte.
Wilhelm Vrana trat am 30. Oktober 1950 in den Dienst der Wiener Berufsfeuerwehr. Seine Kameraden liebten ihn, weil seine Jugend, seine Frische und die natürliche Heiterkeit des halben Kindes ihn von vornherein zum Nesthäkchen der ausgewachsenen Männer machte. Wenn er auf dem Weg von der Feuerwache in Stadlau zum Zillenkurs im Donaukanal tagtäglich um 7 Uhr früh beim Goethe-Hof vorbeifuhr und am offenen Fenster der kleine Stiefbruder mit tollpatschigen Händchen einen Guten Morgen herüberwinkte, dann schmunzelten sie und dachten wohl auch an ihre Buben daheim, von denen manch einer wohl schon so alt sein mochte wie Wilhelm Vrana selbst.

Die Explosionskatastrophe in den Floridsdorfer AGA-Werken nahm keine Rücksicht darauf, daß der jüngste Wiener Feuerwehrmann erst zwei Stunden vorher aus Leoben zurückgekommen war, wo er mit viel Erfolg als rechter Half die Farben der Wiener Berufsfeuerwehr beim Fußballspiel gegen die Leobner Kollegen getragen hatte.
Vrana, als
Tischtennischampion der Feuerwehr ebenso populär wie auf dem grünen
Rasen, galt alle Zeit als fairer Spieler. Er vertauschte, als die Alarmglocke
schlug, die bunte Dreß mit der blauen Uniform und stellte sich im entscheidenden
Moment in die vorderste Front. Er wollte keinen Vorteil daraus ziehen, daß
er der Jüngste war. Dann explodierte die Stahlflasche, und vierundzwanzig
Stunden später zog man in der Prosektur des Unfallkrankenhauses ein weißes
Leinentuch über den erkalteten Körper eines toten Feuerwehrmannes.
Der Mutter, die mit dem Bürgermeister hinter dem Sarg ging, können
alle feierlichen Ansprachen der Welt den Sohn nicht wiedergeben. Daß
die Kameraden auf der allmorgendlichen Fahrt von der Stadlauer Feuerwache
an den Donaukanal zum Goethe-Hof hinüberwinkten, ersetzt dem kleinen
Buben das fröhliche Lachen des Bruders nicht. Wie eh und je steht er
um 7 Uhr früh am Fenster und fragt verständnislos, warum sein Willi
nicht mehr kommt.
Der Feuerwehrmann Willhelm Vrana bezog ein Bruttogehalt von 777 Schilling und 50 Groschen. Zuzüglich 50 Schilling steuerfrei Gefahrenzulage. Am gleichen Tag, an dem man ihn zu Grabe trug, erklärte sich die Finanzbehörde bereit, dem Großhändler Berthold Sch. bei einem Passivenstand von nahezu 600.000 Schilling für den Fall eines Ausgleiches mit seinen Gläubigern 200.000 Steuernachlaß zu gewähren. Die Polizeidirektion Wien stellte vor wenigen Tagen fest, daß den Kaufleuten Walter Sch. und Johann G. im Zusammenhang mit den Millionenschiebungen von Kaffee und Zigaretten Devisenvergehen in Höhe von 1,8 Millionen Schilling nachgewiesen worden seien. Der gesprengte Schmugglerring hatte einen Jahresumsatz von 70 Millionen Dollar.
Daß die Rechnung nicht aufgeht, merkt man auch, ohne Wirtschaftsprüfer oder Mathematikprofessor zu sein. Bei 70 Millionen Dollar illegalem Umsatz riskiert man bestenfalls ein paar Monate Gefängnis wegen Übertretung der Devisenbestimmungen.
Der Feuerwehrmann Wilhelm Vrana riskierte sein Leben. Mit 50 Schilling monatlicher Gefahrenzulage war er zweifellos unter seinem Wert bezahlt ...
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