Rettungsarbeiten im Schienenbereich

Nicht zuletzt aufgrund der Zugunfälle in Wien Simmering und im Niederösterreichischen Wampersdorf stellte sich die Frage: „Welche Möglichkeiten hat die BF Wien um an Fahrzeugen der ÖBB Zugangs- und Rettungsöffnungen zu schaffen?“

Grundsätzlich gilt es bei dieser Thematik zu klären, ob die Gerätschaften eines Löschfahrzeuges von der Leistung her ausreichend sind oder ob auf stärkere Geräte oder vielleicht andere Konzepte umgestiegen werden muss. Die Erkenntnisse aus der Übung sollen im Neukonzept der Geräte für den WSW (Wechselladerfahrzeug Schwerwerkzeug) Einzug finden.
Seitens der ÖBB lag sehr große Bereitschaft zur Zusammenarbeit vor und so konnte kurzfristig ein Termin in der ÖBB Werkstätte Simmering geplant werden. In der ersten Versuchsreihe am 16. April 2002 wurde die Kategorie der Personenwagen einem Test unterzogen.

Vorweg darf angemerkt werden , dass es im Prinzip drei Bauarten von Reisezugwagen in Österreich gibt:

1.) Doppelstöckige Reisezugwagen:
Material der Wagonwände und des Daches:
Stahlgerippe (gefalztes Stahlblech 2 mm) mit Stahlblechverkleidung 2,5 mm, Isolierung und Dekorplatte

2.) Einstöckige mit Schiebe- oder Schwenktüren
Material der Wagonwände und des Daches:
Stahlgerippe (gefalztes Stahlblech 2 mm) mit Stahlblechverkleidung 2,5 mm, Isolierung und Dekorplatte

3.) Einstöckige Reisezugwagen mit Schwenktüren (alte Bauweise – Spantenbauweise)
Material der Wagonwände und des Daches:
Stahlgerippe (Stahlprofile 40x40x4mm) und Stahlblechverkleidung 2,5 mm, Isolierung und Dekorplatte
In der tragenden Stahlgerippekonstruktion sind Holzleisten eingelegt:

Als Übungsobjekt wurde ein Reisezugwagen der alten Bauweise zur Verfügung gestellt. Vorrangiges Ziel war es Öffnungen zu schaffen oder bestehende Öffnungen zu vergrößern.

1.) Eindringen über Glasscheiben 5 mm
Dies geht sehr schnell. Zuerst wird der mittige Gummikeil in der Dichtung herausgerissen. Dann mit Hilfsmittel (Brecheisen oder großer Schraubenzieher) die Scheibe mitsamt dem Rahmen herausgehebelt. Das Einschlagen der Scheibe (Einscheibensicherheitsglas) mit Hilfsmittel ist ebenfalls möglich. Dies stellt durch die Splitterwirkung jedoch ein Mittel der zweiten Wahl dar.

Anmerkung: Bei Doppelstockwagen stellen die Seitenscheiben einen tragenden Verband mit der Wagenkarosserie dar. Sie sind 20 mm stark und verklebt. Sie können mit der Motortrennsäge mit dem Katastrophenblatt oder einem Trennschleifer mit Steinscheibe geschnitten werden (Achtung sehr feiner Staub).

2.) Vergrößern der Fensteröffnungen
Das Auseinanderdrücken der Fensteröffnungen mit dem Teleskoprettungszylinder (RLF) gelang nicht (Spreizkraft der Stufe 3 max. 35 kN). Erst nach dem Setzen von Entlastungsschnitten gelang das Vergrößern der Öffnung. Die Entlastungsschnitte mit der hydraulischen Rettungsschere Type LS 200 (RLF) gelangen nicht (Schnitt 1).
Als nächster Schritt wurde eine hydraulische Rettungsschere LS 301 mit herkömmlichen Schneidblättern eingesetzt – Fehlversuch
(Schnitt 2).


Schnitt 1

Schnitt 2

Dann wurde der Scherentyp LS 330 mit Top Grip Blättern (Papageienschnabel) eingesetzt – wieder
Fehlversuch.
Erst als lästiges Material (Aluprofil und Dichtungen der Fenster) entfernt wurde, und die Schere näher an das tragende Stahlprofile gebracht werden konnte, gelang der Schnitt.

Entfernen der Konstruktion zwischen zwei Fenstern

Das Schneiden des Bleches mit einer hydraulischen Rettungsschere ist grundsätzlich möglich, jedoch sehr aufwendig, da das Blech immer wieder weggespreizt werden muss um die Schere nachzusetzen.

Ein Schnitt mit dem Autogenbrennschneidgerät ist grundsätzlich möglich, allerdings werden die Holzfüllung, die Isolierung und die Dekorplatten in Brand gesetzt.

Der Trennschleifer ist nur dort wirkungsvoll, wo lediglich Blech geschnitten wird. Rahmenprofile erhöhen den Zeitaufwand extrem. Die Brandgefahr ist ebenfalls nicht zu unterschätzen.


Brand nach Schneidearbeiten

Vergrößern der Öffnung unter dem Fenster

Bei diesem Versuch lagen die Erfahrungen der ersten Erprobung schon vor. Daher konnte zielstrebiger gearbeitet werden.
Zuerst wurde mit dem Trennschleifer ein Ansatzpunkt für den hydraulischen Rettungsspreizer unter dem Fenster geschaffen.

Dann wurde mit dem SP 40 (RLF) das Blech aufgeschält und mit dem Teleskoprettungszylinder (Stufe 2 Spreizkraft max. 120 kN) das Blech bis zum Fahrzeugboden weitergerollt.
Abschließend wurde das Profil zwischen Öffnung und Fenster mittels hydraulischer Rettungsschere LS 330 durchgetrennt und somit eine Öffnung von ca. 2,0 m x 1.0 m (inkl. Fenster hergestellt).
Diese Methode – Blech mit Spreizer (Rettungszylinder) schälen und Stege mit Schere trennen stellte zweifelsfrei die schnellste Methode zum Herstellen einer Rettungsöffnung dar.

3.) Dacheinstieg

Diese Art ist bei liegenden Fahrzeugen vorzuziehen, da die Verstrebungen des Bleches sehr weit auseinanderliegen. Es wurde nach den Erkenntnissen der vorangegangenen Übung – Öffnungen schneiden, schälen, trennen – vorgegangen.
Wichtig ist, dass die Schnitte mit dem Trennschleifer rechteckig oder quadratisch ausgeführt werden, da der Spreizer beim Schälen schräg laufen kann.

Nach dem Wegbiegen des Bleches muss auch die Isolierung und die Dekorplatte entfernt werden. Die scharfen Blechkanten sind selbstverständlich noch vor dem Einsteigen abzudecken.


Öffnen des Daches

4.) Öffnung im Boden
Diese Methode ist nicht zu empfehlen, da im Boden sehr viele Einbauten verlegt sind und die Konstruktion am stärksten ist.

5.) Eindringen über Türen
Dieser Punkt wird zu einem späterem Zeitpunkt in Datenblättern veröffentlicht werden.

Zusammenfassung:
Bei der Übung wurden Rettungsplattformen eingesetzt. Derartige Arbeitsmittel sind für Einsätze im Gleisbereich sowie bei Lkw- und Buseinsätze für einen Rettungseinsatz unerlässlich.

Rettungssägen und Motortrennsägen wurden nicht eingesetzt. Diese Geräte stellen jedoch sicher eine wirksame Ergänzung im WSW Konzept dar.

Der Spreizer SP 40 ist von der Spreizkraft und den Schäleinrichtungen her ausreichend. Für das WSW Konzept sollten aufgrund von Leistungsreserven jedoch stärkere Geräte zur Anwendung kommen.

Die Schere LS 200 ist von der Schneidkraft her nicht ausreichend. Selbst bei der Schere LS 330 ist entsprechendes Know How zum Setzen der Schnitte erforderlich.
Der Teleskoprettungszylinder ist in der 3. Stufe zu schwach. Für das WSW - Konzept sind Rettungszylinder für den Bereich von 50 cm / 60 cm beginnend bis ca. 1,5 m Länge und einer Spreizkraft von mind. 120 kN erforderlich.
Auch wenn hier nicht unter Einsatzbedingungen gearbeitet wurde, brachte die Übung wichtige Erkenntnisse. Das Wissen um den Aufbau des Wagens und die entsprechenden Arbeitstechniken führen im Ernstfall sicher zu einem rascheren Einsatzerfolg.

Nach dem Motto Übung macht den Meister, möchte ich mich mit dem Artikel bei allen Mitwirkenden recht herzlich bedanken, und hoffe in den nächsten Monaten eine ähnliche Versuchsreihe an Lokomotiven durchführen zu können.

Autor: Gerhard Pober
BF Wien
Technischer Hilfsdienst
pbg@m68.magwien.gv.at

Übungsdurchführung: Schmid Robert und Brantner Christian
BF Wien
Technischer Hilfsdienst

Foto: Hyl Andreas
BF Wien
Lichtbildstelle

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