Ein Hochmodernes Liebherr Mobil-Teleskop-Kranfahrzeug fpr die Wiener Berufsfeuerwehr
Im Zuge der Suche nach einem Feuerwehr-Teleskopkranfahrzeug erfolgte eine europaweite öffentliche Ausschreibung. Die Firma Liebherr ging als Best- und Billigstbieter mit einer Gesamtanbotsumme von 9,2 Millionen Schilling für die gewünschte Einheit hervor. Mitte 1999 wurde der Auftrag vergeben.
Technik
Das Leistungsprofil
eines Feuerwehrkranfahrzeuges (taktische Abkürzung “TKF” für Teleskopkranfahrzeug)
entspricht dem eines für Straßengeschwindigkeiten geeigneten Teleskop-Mobilkrans
(All Terrain-Krans), der für die unterschiedlichsten Anforderungen beim Heben
und Bergen sowohl im Straßen- als auch Geländeeinsatz gerüstet ist.
Im wesentlichen besteht jedes Kranfahrzeug aus zwei Hauptkomponenten – dem
Kranfahrgestell, auch Kranunterwagen genannt, und dem Kranoberwagen. Die beiden
Teile sind über ein sogenanntes Rollen-Drehelement (Drehwerk) miteinander
verbunden.
Die kompakte Bauweise im Sonderfahrzeugbau, die sich auch im Bereich der Feuerwehr
durchgesetzt hat, ermöglicht verhältnismäßig geringe Gesamtabmessungen. Der
vierachsige All Terrain-Feuerwehrkran der Type LTM 1070/1, der von der Grundkonstruktion
her auf dem Serienkranprodukt der Liebherr-Technik basiert, weist eine Gesamtlänge
von 13 m, eine Gesamtbreite von 2,70 m und eine Gesamthöhe von 3,80 m auf.
Die Allradlenkung (mit Notlenkeinrichtung für die erste und zweite Achse),
die wahlweise bei Straßen- oder Geländefahrten sowohl gleich- als auch gegensinnig
eingesetzt werden kann, erlaubt einen Wenderadius von nur acht Metern.
Die Gesamtmasse des einsatzbereiten Feuerwehrkranfahrzeuges beträgt 48 t,
wobei die Achslast gleichmäßig auf vier Planetenachsen (4 x 12 t) mit Differenzialsperre
verteilt ist.
Ein horizontal- und vertikal vollhydraulisches, ausschiebbares Vierpunkt-Abstützsystem
ermöglicht im Arbeitseinsatz eine maximale Abstützbreite von 7,2 m (8,1 x
7,2 m). Das Abstützprogramm verfügt über eine Schiebeholmüberwachung sowie
eine Stützdruckanzeige und lässt auch variable Stützbasen zu (Abstützung direkt
am Kran, Abstützung asymmetrisch usw.). Die Steuerung der Stützen ist nicht
nur von der Kranführerkabine aus möglich, sondern kann auch mittels der an
beiden Seiten des Unterwagens platzierten Bedienelemente erfolgen. Die Abstützteller
verbleiben ständig an den Stützzylindern, das gewährleistet im Anlassfall
die rasche Einsatzbereitschaft des Krans.
Der eigens von
Liebherr entwickelte, schadstoffarme (EURO II) Dieselmotor der Type D 9406
TI leistet 300 kw bei 2100 U/min und beschleunigt das Kranfahrzeug auf eine
Geschwindigkeit von bis zu 76 km/h. Die maximal bewältigbare Geländesteigung
liegt bei 60 %.
Die Umsetzung der Antriebskraft besorgt ein vollautomatisches Allison-Getriebe
der Type HD 4560 P mit sechs Vorwärtsgängen und einem Rückwärtsgang, Drehmomentwandler
und Überbrückungskupplung. Bei gewöhnlicher Straßenfahrt werden die dritte
und vierte Achse, im Gelände optional alle Achsen (8 x 8) angetrieben.
An alle Achsen sind großvolumige, schlauchlose Spezialreifen der Dimension
16.00 R 25 montiert. Ergänzt wird der aufwändige Antriebsstrang durch ein
zweiteiliges Verteilergetriebe österreichischer Herkunft. Der Fahrzeugrahmen
wird von der Firma Liebherr selbst gefertigt. Die verwindungssteife Kastenkonstruktion
besteht aus hochfestem Feinkornbaustahl.
Ein hydropneumatisches Niveauausgleichssystem (”Niveaumatik-Federung”) ermöglicht
einen Seitenausgleich bis zu 2 x 8° und sorgt bei schnellen Kurvenfahrten
für hohe Seitenstabilität.
Mit Hilfe der Niveaumatik lässt sich der gesamte Kranaufbau zum Zweck einer
verbesserten Geländegängigkeit heben bzw. bei erforderlicher geringerer Durchfahrtshöhe
absenken.
Eine Allrad-Servo-Druckluftbremsanlage (Zweikreis-Bremsanlage) sorgt für ein
sicheres und zuverlässiges Abbremsen des schweren Gefährts. Die Feststellbremse,
eine Druckluft-Federspeicherbremse, wirkt ebenfalls auf alle Räder. Zudem
ist eine TELMA-Wirbelstrombremse als verschleißlose Dauerbremse im Einsatz.
Zusatzanschlussarmaturen für Fremdlufteinspeisung (Schleppbetrieb des eigenen
Fahrzeuges, Pressluftwerkzeuge, Stationärversorgung) vervollständigen den
Druckluftsystemkreis.
Das Fahrerhaus besteht aus einer verzinkten Stahlblechkonstruktion in Fahrzeugbreite
und bietet zwei Personen Platz. Das Instrumentarium ist übersichtlich angeordnet
und wird durch verschiedene Zusatzausstattungen (Gerätehalterungen, Ablagen,
Scheinwerfer, Anschlusskupplungen, Funkausrüstung usw.) sowie die Feuerwehrsondersignal-
und Warnanlage ergänzt. Der Kraftstofftank des Fahrzeuges fasst 400 Liter.
Kranoberwagen
Der Rahmen
des Kranoberwagens , eine verwindungssteife Schweißkonstruktion aus hochfestem
Feinkorn-Baustahl, ist durch eine Rollen-Dreh-Verbindung (Drehwerk mit Planetengetriebe
und federbelasteter Lamellen-Haltebremse), die unbegrenztes Drehen ermöglicht,
mit dem Fahrgestell verbunden.
Der von Liebherr entwickelte Kranmotor der Type D 924 TE (schadstoffarmer,
wassergekühlter 4-Takt-Dieselmotor) mit einer Leistung von 125 kw bei 1800
U/min versorgt die gesamte Hydraulikanlage des Oberwagens (Axialkolben-Doppelpumpe
mit automatischer Leistungsregelung, Zahnrad-Doppelpumpe). Bei Kälte wird
das Motor-Hydrauliköl (auch jenes für den Unterwagen) vorgewärmt.
Alle Schmierstellen des Oberwagens (Drehkranz, Auslegerlagerung usw.) werden
von einer zentralen Schmieranlage versorgt.
Die Bedienung der Krananlage erfolgt von einer modernen Kranfahrerkabine aus,
die auf der linken Seite des Drehgestells fix montiert ist. Um Korrosionsschäden
weitestgehend zu vermeiden, wurden bei der Fertigung der Kabine ausschließlich
verzinkte und vergütete Stahlblechbauteile verwendet. Der Kranfahrer wird
durch die Sicherheitsverglasung und ein Dachfenster aus Panzerglas geschützt.
Durch die seitliche Schiebetür der Kabine gelangt man zum Kranfahrersitz,
der mit allem Komfort ausgestattet ist (schwingungsfreie Federung, Nacken-
und Lendenwirbelstütze, verstellbare Armlehnen, Sitzkontaktschalter – um nur
einige Details zu nennen).
Diverse Zusatzeinrichtungen wie Fahrbetriebseinrichtung, Standheizung, Scheibenwisch-
und Reinigungsanlage, Arbeitsscheinwerfer, Sonnenschutzrollo usw. gehören
überdies zur Ausstattung der Kabine.
Bei Bedarf kann das gesamte Kranfahrzeug von der Kranfahrerkabine aus verfahren
werden (Verfahren von Lasten, Standortwechsel etc.), auch die notwendige Abstützsteuerung
erfolgt dann von der Kabine aus.
Mittels selbstzentrierender Viefach-Handsteuergeber (“Kreuzhebel”), die in
die Armlehnen des Kranfahrersitzes integriert sind, funktioniert die elektronisch-elektrische
Steuerung des Kranes.
Gleichzeitiges Heben, Drehen, Wippen und Teleskopieren ist möglich, die Geschwindigkeiten
sind dabei durch das sogenannte “Load-Sensing” präzise regulierbar.
Eines der weltweit modernsten Computersysteme zur Kransteuerung, die von Liebherr
entwickelte Liccon-Anlage (ein System mit Informations-, Überwachungs- und
Steuerungsaufgaben), überwacht den LTM 1070 und stellt sicher, dass er den
hohen Anforderungen gerecht wird, die heute bei Kraneinsätzen hinsichtlich
Zuverlässigkeit, Sicherheit und Komfort gestellt werden.
Vor Arbeitsbeginn müssen lediglich die Daten des Kranrüstzustandes wie Traglasttabelle,
Ballastmasse und Abstützbasis eingegeben werden; sodann wird der Bediener
per Bildschirm ständig über den Istzustand des Kranes informiert.
Eine weitere entscheidende Funktion bietet die Liccon-Anlage: der Computer
errechnet laufend den jeweils höchsten Traglastwert bei beliebig vorgegebener
Auslegerlänge – Traglastsprünge, wie von herkömmlichen Überlastanlagen bekannt,
gehören damit der Vergangenheit an.
Für Servicezwecke
ist das Kranfahrzeug mit einem Liccon-Testsystem ausgestattet. Über Fehlercodes
werden Betriebsstörungen auf dem Bildschirm angezeigt, dies erlaubt eine rasche
Schadensbehebung.
Der Teleskopausleger (Auslegerlänge: 10,6 – 40 m), ebenfalls eine verwindungssteife
Konstruktion aus hochfestem Feinkornbaustahl, setzt sich aus dem Anlenkstück
und vier Teleskopteilen zusammen.
Das hydromechanische Teleskopiersystem besteht aus einem Einfach- und einem
Zweifachzylinder sowie einem Einfachflaschenzug. Die Teleskope 1 und 2 sind
hydraulisch unabhängig voneinander, die Teleskope 3 und 4 sind hydromechanisch
synchron ausschiebbar. Alle Teleskope sind unter Teillast vollhydraulisch
teleskopierbar. Eine Endlagendämpfung ist ebenfalls vorgesehen.
Durch das hohe Lastmoment ergibt sich am Teleskopausleger bei drei Metern
Ausladung eine maximale Traglast von 55 t (Traglast gemäß der DIN 15019, Teil
2 – ÖNORM B 4004, Teil 2/75 % im Rundbereich 360° bei voll abgestützter Kran-Stützbasis
8,1 x 7,2 m).
Am Kopf des unteren Teleskopauslegers (Anlenkstück) befinden sich zwei Halogen-Arbeitsscheinwerfer
mit Beschädigungsschutz und Verstelleinrichtung.
Auf der hydraulisch angetriebenen Hubwerkstrommel (innenliegendes Planetengetriebe
mit federbelasteter Lamellen-Haltebremse) befinden sich 200 m Hubseil (Durchmesser
17 mm). Dieses wird über den Auslegerrollenkopf zur fünfrolligen Hakenflasche
(“50 Tonnen”, Doppelhaken) geführt.
Das Wippwerk besteht aus einem einfachen Differentialzylinder mit vorgesteuertem
Bremsventil (Auslegeraufrichtwinkel 0 bis 83°).
Die Gesamtballastmasse des Feuerwehrkranfahrzeuges beträgt sechs Tonnen und
ist auf zwei Ballasteinheiten (3,8 und 2,2 t) aufgeteilt, von denen nur die
schwerere fest an der Drehbühne montiert wurde, während die andere vor Straßenfahrten
am Chassis elektrohydraulisch abgelegt wird. Gesteuert wird dabei von der
Kranfahrerkabine aus (hydraulische Ballastierungseinrichtung mit “Twist-Lock-System”).
Sollte der Antriebsmotor des Kranes ausfallen, so kann das Fahrzeug mit Hilfe
einer elektronischen Notbetriebseinrichtung (Fremdstromeinspeisung mit einem
8 kVA Feuerwehrstromerzeuger) innerhalb von 20 Minuten in Betrieb genommen
werden.
Für die Unterbringung der feuerwehrtechnischen und sonstigen Ausrüstung ist
ein Gerätekasten aus Aluminium vorgesehen. Aufgrund der Bauart kann das Feuerwehrkranfahrzeug
nur für den Soforteinsatz erforderliche Ausrüstungsgegenstände selbst mitführen
(Anschlagmittel, Kleinlöschgeräte, Signal- und Warngeräte etc.). Für den Transport
weiterer Ausrüstung (Unterlagshölzer, Spezialwerkzeuge, Seile, Ketten usw.)
wird ein Logistikfahrzeug (Versorgungsfahrzeug oder Wechselladerfahrzeug)
benötigt.
Nach mehreren Vorbesprechungen fand Mitte September 1999 die erste Rohbaubesichtigung (in Ehingen/Donau, BRD) statt. Ende Dezember 1999 wurde das Fahrzeug erworben.
Ausbildung und Einschulung
Durchschnittlich zehn Personen pro Stationsfeuerwehr haben die vorgesehene staatliche Kranführerausbildung absolviert und die damit verbundenen Prüfungen erfolgreich abgelegt. Die Einschulung des Bedienungspersonals wird von Ausbildnern der Herstellerfirma am jeweiligen Stationierungsort vorgenommen werden. In vierzig Ausbildungsstunden werden die Feuerwehrleute theoretisch und praktisch im Umgang mit dem Kranfahrzeug geschult.
Quelle:
BR Ing. Kurt Jestl, NÖ LFKDO
Die Österreichische Feuerwehr 5/1997, S. 12-15
