Das aktuelle Interview

Firefighter im Gespräch mit dem Branddirektor der Wiener Berufsfeuerwehr

Firefighter: Herr Branddirektor, wie beurteilen Sie das Jahr 2001 aus der Sicht der Feuerwehr?

Dr. Perner: Es konnten viele Dinge in organisatorischer und personeller Hinsicht verbessert werden, am technischen Sektor zählen wir sicher - auch im internationalen Vergleich - zu den bestausgerüsteten Feuerwehren der Welt.

Firefighter: Welche Schwerpunkte sind für die Zukunft der Wiener Feuerwehr von Bedeutung?

Dr. Perner: Es ist wichtig, die gewachsenen Strukturen zu belassen und keine Einsparungen im brandschutztechnischen Bereich zu tolerieren. Die Aufgaben der Feuerwehr sind durch moderne Bauformen keineswegs einfacher geworden, es hat sich nur der Schwerpunkt der Tätigkeiten verschoben. Mussten früher viel mehr Brände bekämpft werden, stehen heute die technischen sowie die Umwelteinsätze im Vordergrund. Dennoch müssen im Fall eines realen Schadensereignisses unverzüglich entsprechende Kapazitäten an Personal und Gerätschaften bereitstehen. Schließlich darf man auch die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit von Schadensereignissen nicht ausschließen. An einem Tag im Jahr 2001 musste gleich vier mal Alarmstufe zwei ausgelöst werden! Um auch für solche Situationen gerüstet zu sein, muss auch die Logistik passen. Das ganze System einer Berufsfeuerwehr am Laufen zu halten und den jeweils geänderten Gegebenheiten anzupassen, ist die Herausforderung der Zukunft.

Firefighter: Haben die Anschläge auf das WTC am 11. 9. 2001 auch Auswirkungen auf die Wiener Feuerwehr?

Dr. Perner: Die Berufsfeuerwehr Wien war schon immer beim vorbeugenden Brandschutz sehr aktiv. Das sichtbare Resultat ist die rückläufige Anzahl von Brandeinsätzen in Objekten. Trotzdem ist es nicht möglich, alle Arten von terroristischen Aktivitäten in die Planungen einfließen zu lassen, da das technisch nicht möglich ist. Die Anschläge machen aber deutlich, dass bei allen Schadensereignissen die Sicherheitstechnik und das organisatorische Umfeld stimmen müssen. In der Praxis bedeutet das noch mehr Übungen und Begehungen, um die Interventionszeit durch entsprechende Ortskenntnis im Ernstfall kurz zu halten. Selbstverständlich werden die Planungen für den Katastrophenschutz in Zukunft forciert. Die gesamte Logistik für ein etwaiges Großschadensereignis bedarf einer ständigen Aktualisierung. Diese Vorbereitungen stellen ein enormes Arbeitspensum dar, welches im Normalfall von der Bevölkerung unbemerkt absolviert wird.

Firefighter: 343 getötete Firefighter in New York haben uns schmerzlich daran erinnert, dass der Beruf lebensgefährlich ist. Gibt es unmittelbare Auswirkungen auf die Einsatzkräfte der Wiener Berufsfeuerwehr?

Dr. Perner: Unmittelbare Auswirkungen gibt es nicht, da unsere Ausbildung und persönliche Schutzausrüstung den höchsten Standards entsprechen. Für eine derartige Attacke ist keine Feuerwehr dieser Welt gerüstet. Was man in diesem Zusammenhang aber sehr wohl im Auge behalten muss, ist die bestmögliche Versorgung aller Beteiligten bei schweren Einsatzunfällen. Dabei gibt es von der professionellen psychologischen Betreuung von Einsatzkräften bis zur Hinterbliebenenversorgung noch viel zu tun.

Firefighter: Stichwort "Berufsbild für Feuerwehrmänner/frauen": Was wird in dieser Sache unternommen?

Dr. Perner: Zunächst einmal möchte ich davor warnen, dieses Thema zu stark zu emotionalisieren. Es ist ja nicht so, dass die Mitarbeiter der Wiener Feuerwehr ohne Berufsbild in Notsituationen im Regen stehengelassen werden, ganz im Gegenteil. Mit der Pragmatisierung verfügen wir über einen Berufsschutz, der sich - auch im Vergleich mit vielen anderen Berufsfeuerwehren - wirklich sehen lassen kann. Das Berufsbild ist aber nicht nur eine Imagesache, sondern könnte bei anerkannten Berufskrankheiten wie z.B. einem posttraumatischen Belastungssyndrom oder bei Problemen mit dem Bewegungsapparat für den Betroffenen Vorteile bringen. Aufgrund der unklar definierten Zuständigkeiten ist in Zeiten wie diesen die Durchsetzung dieser Forderung nicht einfach. Es wird aber von allen zuständigen Stellen mit Unterstützung der Gewerkschaft an der Verwirklichung eines Berufsbildes gearbeitet.

Firefighter: Im Jahr 2001 hat es einen leichten Rückgang bei der Gesamtanzahl der Einsätze gegeben. Ist das von Bedeutung?

Dr. Perner: Nein, keineswegs. Sie dürfen nicht vergessen, dass wir 2001 von stärkeren Stürmen oder Unwettern verschont geblieben sind. Nur eines dieser Ereignisse hätte die Einsatzziffern auf einen neuen Rekordwert gebracht. Die Anzahl der Einsätze ist aber für die Beurteilung einer Feuerwehr irrelevant. Der größte Einsatz im Jahr 2001 war der Brand der Sofiensäle. Obwohl dort zahlreiche Fahrzeuge über mehrere Tage im Einsatz waren, scheint in der Statistik nur eine Einsatznummer auf, so wie z.B. bei einem brennenden Gebüsch. Für die Beurteilung ist also nicht die Anzahl, sondern die Art und Qualität der Einsätze von Bedeutung. Auch wenn nur ein Brandmelder in einem Hochhaus oder Hotel auslöst, muss die erste Welle der alarmierten Kräfte in der Lage sein, entsprechende Erstmaßnahmen zu setzen. Natürlich müssen genügend Kräfte als Rettungstrupps usw. vor Ort zur Verfügung stehen und man darf nicht vergessen, dass gleichzeitig ein anderes Ereignis - z.B. ein weiterer Zimmerbrand gleich ums Eck - stattfinden kann. Dafür müssen wir gerüstet sein, auch wenn es personalintensiv ist.
Firefighter: Durch den guten vorbeugenden Brandschutz in Wien ist die Anzahl der Brandeinsätze rückläufig. Wo liegt ihrer Meinung nach das Risikopotential der Zukunft?

Dr. Perner: Bei Menschenansammlungen oder in Objekten mit einer hohen Personenbelastung ist eine höhere Gefährdung gegeben. Es wird daher versucht, z.B. in Spitälern entsprechend geschulte Trupps für die Erstmaßnahmen zu installieren. Auch Einsätze mit gefährlichen Substanzen werden in Zukunft häufiger vorkommen. Die Wiener Feuerwehr hat in diesem Zusammenhang gegenüber anderen Organisationen den Vorteil, dass die Feuerwachen strategisch günstig über das Stadtgebiet verteilt sind. Die Zeit, welche von der Alarmierung bis zum Eintreffen an der Einsatzstelle verstreicht, ist daher sehr kurz. Nur wenn rasch durch qualifiziertes Personal eingegriffen wird, kann die mögliche Eskalation eines Schadensereignisses wirkungsvoll verhindert werden.

Firefighter: Stichwort Personal: ist die Ausbildung der Mitarbeiter optimal?

Dr. Perner: Durch die gestiegenen Anforderungen wird auch dieser Bereich ständig modifiziert. Man muss sich aber vor Augen halten, dass neben der normalen Aus- und Fortbildung auch die gesetzliche Verpflichtung zur Durchführung von regelmäßigen Bedienstetenschutzseminaren gegeben ist. Alleine das Zeitmanagement ist in diesem Bereich eine organisatorische Herausforderung. Eine möglichst hohe Qualifikation unserer Mitarbeiter ist mir ein wichtiges Anliegen, da nur so eine hohe Schlagkraft mit einer reduzierten Eigengefährdung gegeben ist.
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Feuerwehrbediensteten für ihre Leistungen im abgelaufenen Jahr bedanken. Nur durch das Engagement aller Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr Wien hat diese Organisation ein sehr positives Image in der Öffentlichkeit!

Firefighter: Herr Branddirektor, wir danken für das Interview!

Das Gespräch mit Herrn Branddirektor Dr. Perner führte Alexander Markl

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