Berufskrankheit Stress
Stress -
was ist das überhaupt? Viele hartgesottene Firefighter werden natürlich behaupten,
diesen Begriff gar nicht zu kennen. Leider gibt es aber keine wirklichen Teufelskerle,
da wir alle - von einigen Ausnahmen abgesehen - Menschen mit Sorgen, Ängsten
und Gefühlen sind. Stress ist eine normale Reaktion des Körpers auf Gefahrensituationen.
Der Puls wird beschleunigt und Stresshormone werden ausgeschüttet, was dem
Menschen kurzzeitige Höchstleistungen ermöglicht.
Das ist von der Natur - wie so vieles - ausgesprochen schlau eingerichtet.
Stand beispielsweise ein Steinzeitmensch einem Säbelzahntiger gegenüber, so
war es wichtig, schneller zu laufen als das Untier. Oft genügte es auch, schneller
zu laufen als der Nachbar, aber das ist eine andere Geschichte. Diese Stressreaktion
war also in der Evolutionsgeschichte von großer Bedeutung. Es konnten somit
schwierige Situationen durch Kampf oder Flucht gemeistert werden. In heutigen
Stresssituationen - beispielsweise bei wichtigen Besprechungen - sind körperliche
Aktionen wie Kampf oder Flucht dennoch eher die Ausnahme. Die aufgebaute Energie
kann nicht in körperliche Bewegung umgesetzt werden, da die Anforderungen
meist seelischer Natur sind.
Die Beschäftigung mit dem Thema Stress ist unumgänglich, wenn man trotz des
oft anstrengenden und belastenden Feuerwehrdienstes möglichst lange leben
und dabei physisch und psychisch gesund bleiben will. Das Herz- Kreislaufsystem
reagiert am empfindlichsten auf Stress.
Man sollte sich vor Augen halten, dass Feuerwehrbeamte im Durchschnitt viel früher sterben als ihre Mitmenschen. Stress ist an vielen Krankheiten beteiligt, die durch den Feuerwehrdienst gefördert werden. Die Leistungsfähigkeit kann durch Stress so stark gemindert werden, dass man - unter Umständen ohne es zu bemerken – zu einer Gefahr für sich und andere werden kann. Deutsche Studien ergaben, dass etwa 75% der Berufsfeuerwehrangehörigen unter einem sogenannten posttraumatischen Belastungssyndrom leiden. Die noch eher harmlosen Auswirkungen kennt jeder Feuerwehrmann: Verändertes Ess-, Trink- und Rauchverhalten und Unausgeglichenheit. Eine sehr häufige Reaktion ist auch, dass man nach Dienstende nicht abschalten kann. Dadurch besteht die Gefahr der Belastung des persönlichen Umfeldes: Ehefrauen von Feuerwehrmännern können ein Lied davon singen. Zynische Bemerkungen, die Außenstehende schockieren würden, sind nichts anderes als ein gewisser Selbstschutz nach belastenden Erlebnissen. So wurde eine Löschgruppe an einem Tag vier mal hintereinander zu der Einsatzart “Unfall wird vermutet” alarmiert, wo jedesmal eine Leiche in einer Wohnung vorgefunden wurde. Bei der Anfahrt zum nächsten gleichartigen Einsatz wurden am Fahrzeug Wetten über Geschlecht und Verwesungszustand der wohl zu erwartenden Leiche abgeschlossen. Auch Aussagen wie “Gewachsen wär´ er eh nicht mehr” oder “Mitten aus dem Leben gerissen hat sie´s eh nicht” beim Anblick von Leichen älterer Menschen fallen in diese Kategorie.
Je größer
die Stressbelastung ist, desto weniger wird sich ein Feuerwehrangehöriger
“normal” und planmäßig verhalten. Stressbelastung wird nicht nur von Mensch
zu Mensch sondern auch je nach Situation unterschiedlich empfunden. Der Stress
bei einem Fussballspiel wird beispielsweise meistens positiv bewertet, außer
man bricht sich ein Bein oder – noch schlimmer - verliert das Match. Diese
Form von Stress nennt man Eustress. Steigt die Stressbelastung über einen
bestimmten Level an, kommt es zum Distress, der negativ ist und eine Verminderung
der Leistungsfähigkeit bewirkt. Die Auslöser von Stress nennt man Stressoren.
Hier ist die persönliche Bewertung der Situation von großer Bedeutung; nur
wenn diese als bedrohlich eingestuft wird, empfindet man auch Stress. Bei
den Stressoren unterscheidet man physische, psychische und soziale, wobei
alle drei Arten für Feuerwehrangehörige von Bedeutung sind.
Zu den physischen Stressoren zählen unter anderem Lärm, Explosionen, Stichflammen
und Verletzungen im Einsatzdienst, aber auch durch Krankheit, ungünstige Ernährung
und sogar schlechte Unterbringung wird diese Art von Stress ausgelöst.
Psychische Stressoren sind beispielsweise Angst vor Fehlern, Überforderung
aber auch Unterforderung, Zeitdruck oder der Anblick schrecklicher Verletzungen.

Als soziale Stressoren werden Streitigkeiten, autoritäre Führungsstile, Hierarchieprobleme, ständige Kritik und mangelnde soziale Unterstützung empfunden. Solche Stressoren gibt es übrigens nicht nur bei der Feuerwehr sondern oft auch innerhalb der eigene Familie.
Generell
gilt, dass Stressbelastung individuell sehr unterschiedlich erfahren wird.
Das ist abhängig von der allgemeinen Veranlagung, der momentanen Verfassung
und einer etwaigen Vorbelastung, wenn etwa zu viele psychische Belastungen
aus dem Privatleben mitgebracht werden. Deutschen Studien ist zu entnehmen,
dass hauptamtliche Einsatzkräfte psychische Belastungen am stärksten in den
ersten fünf Dienstjahren wahrnehmen, dann ca. fünf Jahre weniger stark und
mit höherem Dienstalter wieder vermehrt. Diese Ergebnisse lassen sich, nach
Meinung des Verfassers, auch auf die Einsatzkräfte der Wiener Berufsfeuerwehr
umlegen.
Stress kann typische “Stresssymptome” verursachen, die Einsatzkräfte im Einsatz
oder danach zeigen. Solche Symptome sind unter anderem Schwitzen, Übelkeit,
Herzrasen, Erschöpfungszustände, Schlafstörungen, geringe Konzentrationsfähigkeit,
ständige gedankliche Rückblenden, Schuldgefühle, Rückzug aus sozialen Beziehungen
sowie das schon erwähnte veränderte Ess-, Trink- und Rauchverhalten und Unausgeglichenheit.
Im Einsatz bewirkt mäßiger Stress (Eustress), dass die Einsatzkräfte besser
und effizienter arbeiten als sonst.
Übermäßiger Stress (Distress) bewirkt, dass die Fehlerrate deutlich ansteigt,
extremer Stress kann zur völligen Aktions- und Reaktionsunfähigkeit führen.
Mehrere kleine Stresserlebnisse, die kurz nacheinander erfolgen, addieren
sich in ihrer Wirkung. Wenn Stressreaktionen länger als ein paar Tage anhalten,
sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Bewältigungsstrategien
können Entspannung, Hilfe durch Ehepartner oder Freundinnen, Gesundheitssport,
Humor oder Urlaub sein. Übermäßiger Stress, wie er im Einsatzdienst zweifellos
gegeben ist, kann jedenfalls nach Ansicht von Experten schwere Erkrankungen
im physischen oder psychischen Bereich hervorrufen, die bis zur Berufsunfähigkeit
führen können. Alle großen Berufsfeuerwehren beschäftigen sich ernsthaft mit
diesem, bis jetzt unterschätzten Problem, wobei Forschungsergebnisse zu diesem
Thema regelmäßig im Internet veröffentlicht werden. Die Auswirkungen von Stress
im Einsatzdienst können bereits mit dem jetzigen Wissensstand durchaus als
Berufskrankheit bezeichnet werden.
Welche Maßnahmen können konkret gesetzt werden, um die schädlichen Folgen von Stress bei der Feuerwehr zu minimieren? Hier einige Vorschläge ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Durchführbarkeit:
- Entwicklung
von Vorsorgeprogrammen, die Informationen über Stress, Entspannungs- und Bewegungstraining
und eine allgemeine Überwachung der physischen und psychischen Gesundheit
beinhalten.
- Verbesserung der äußeren Umstände, um Stress entgegen zu wirken. Dazu gehören
der bauliche Zustand und die Einrichtungen der Feuerwachen, aber auch die
Ernährung.
- Überarbeitung des Führungsvorganges im Hinblick auf Entspannung und Stressreduktion.
- Systematische Untersuchungen bestehender Tätigkeiten und Aufgaben von Feuerwehrmitarbeitern
im Hinblick auf Verbesserungspotential.
- Systematisierte Sammlung aller Erkenntnisse über Stress und Feuerwehr an
einer zentralen Stelle und Sicherstellung der jederzeitigen Abrufbarkeit für
alle Interessenten. l Einrichtung von Debriefing-Teams.
- Anpassung der Tätigkeiten der Einsatzkräfte nach dem Grad der Belastung,
zum Beispiel durch Rotation der Aufgaben.
- Eine an der Belastung ausgerichtete Lebensarbeitszeit.
- Unterstützung von weiteren, Stress reduzierenden Kenntnissen, wie z. B.
Time-Management, Schulungen zur Verbesserung von Führungsstilen, usw.
Das Thema Stress bei der Feuerwehr wird in Zukunft auf allen Ebenen ernsthaft behandelt werden müssen. Um gesundheitliche Schäden zu vermeiden sind Kreativität und der Mut, neue Wege zu beschreiten, gefragt. Über neue Erkenntnisse zu dieser Problematik wird der Firefighter auch in Zukunft laufend berichten.
Ing. Alexander Markl
Literatur: Dargatz, Thorsten: Anti-Stress-Programm, München 1995 Brandschutz, Deutsche Feuerwehr-Zeitung 3/99, Themenheft Stress