Medizinisch Neues zur Brandgasinhalation
Seit
mehreren Jahrzehnten wird dem Wirkstoff Kortison neben der nachgewiesenen
entzündungshemmenden auch eine gefäßabdichtende und membranstabilisierende
Wirkung zugeordnet. Deshalb werden Dosieraerosole nicht nur auf den Fahrzeugen
des Rettungsdienstes, sondern auch auf Feuerwehrfahrzeugen mitgeführt und
von den Ersthelfern angewendet.
Nachdem aber bei einer Rauchgasinhalation nicht nur Reizgase, sondern auch
andere giftige und heiße Gase eingeatmet werden, ist eine isolierte Beurteilung
des Nutzens dieses Medikamentes, das nur bei Reizgasen wirksam sein kann,
außerordentlich schwierig.
Aus diesem Grund hat der Fachausschuss Gesundheitswesen und Rettungsdienst
des deutschen Feuerwehrverbandes (DFV) gemeinsam mit dem Institut für Notfallmedizin
der Berufsfeuerwehr Köln eine internationale Analyse durchgeführt und Experten
befragt. Dabei konnten weder Experimente an Tieren noch klinische Studien
einen aussagekräftigen Nachweis der oben genannten, zusätzlichen positiven
Effekte von Kortison erbringen.
Die meisten der befragten Experten empfahlen allerdings einen Behandlungsversuch.
Damit kann aber ein wissenschaftlich fundierter Nachweis, dass inhalative
Kortikoide bei Reizgasinhalation der oberen und unteren Atemwege medizinisch
wirksam sind, nicht geführt werden. Es kann deshalb auch weder ein Versäumnis
noch eine Unterlassung darstellen, wenn Patienten mit Rauchgasexposition präklinisch
keine Kortison-Präperate erhalten. Vorrangiges Ziel bleibt die Rettung aus
der Rauchgasatmosphäre und die Inhalation von Sauerstoff. Eine präklinische
Therapie mit inhalativen Kortikoiden kann zwar als Behandlungsversuch gewertet
werden und ist unter besonderen Umständen (z. B. kein Notarzt vorhanden) vertretbar,
stellt aber keine unabdingbare Forderung dar.
Quelle: Prof. Dr. med. Peter Sefrin, Bundesfeuerwehrarzt Feuerwehrmagazin 4/2000, S 104