Notfallpsychologie bei den Helfern Wiens

Nach dem Gesetz vom 21. November 1977 über Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor Katastrophen sind die Helfer Wiens beauftragt, die Wienerinnen und Wiener darüber zu informieren, wie sie sich in außergewöhnlichen Notsituationen selbst helfen und schützen können, bevor Profihelfer zur Stelle sind.
Dabei soll nicht nur Sachinformation geboten werden: durch Motivation wird zum aktiven Mittun und zur Nachbarschaftshilfe angeregt.
In diesem Lichte ist auch der nachfolgende Beitrag des Notfallpsychologen der Helfer Wiens, Mag. Hans Beran, zu sehen, der einen kleinen Einblick in die Sinnhaftigkeit notfallpsychologischer Maßnahmen geben soll.

Der Landesgeschäftsführer der Helfer Wiens,
Sepp Konecny

Warum Notfallpsychologie bei den Helfern Wiens?

Menschen in helfenden Berufen sind bei ihrer Tätigkeit immer wieder mit Stressreaktionen bei Opfern von Katastrophen konfrontiert, die man gemeinhin unter dem Namen „PANIK“ kennt.
Nun ist der Begriff „PANIK“ lediglich eine Überschrift, ein Generalbegriff für höchst unterschiedliche Formen von Überlastungsreaktionen bei Menschen in Krisen.
Jede dieser oft gegensätzlichen Erscheinungsformen braucht daher eine eigene Behandlung.
Die klinische Psychologie und speziell die Notfallpsychologie hat sich intensivst mit den unterschiedlichen Formen von Panik befasst und die jeweils passenden Methoden des richtigen Umgangs mit Menschen in solchen Krisensituationen ausgearbeitet.
Ob dies nun eine Person betrifft, die in einem Lift steckengeblieben ist, jemanden der nach einem Verkehrsunfall zu Schaden gekommen ist, oder diesen körperlich unversehrt überlebt hat, oder ob es um Menschen in einem brennenden Gebäude geht, überall können die Helfer mit Panikreaktionen konfrontiert sein. In manchen Fällen sogar, ohne es zu bemerken, weil Panik sich nicht nur auf deutliche spektakuläre Weise äußert!
Daher darf dieses Wissen nicht ausschließlich bei den Spezialisten verankert sein, sondern muss auch an die Helfer weitergegeben werden, die ja auf Grund ihrer Arbeit als erste im direkten Kontakt mit Menschen in Panik sind.
So wie bei einem Unfall die physische Erstversorgung durch Laien (und erst im Anschluss daran durch geschulte Sanitäter und dann erst durch Ärzte bzw. klinische Einrichtungen) oft lebensrettend ist, braucht auch die Psyche von Menschen gezielte Erstversorgung mit anschließender Behandlung durch Spezialisten, um spätere, ernste und bleibende Schädigungen zu verhindern.
Posttraumatische Belastungsstörungen können Menschen so massiv in deren psychischer Gesundheit schädigen, dass sich daraus Angststörungen, schwere Depressionen sowie daran anschließend körperliche Erkrankungen entwickeln können, wodurch Menschen arbeitsunfähig werden und/oder der soziale Kontakt zur Umwelt und den Mitmenschen unmöglich wird.
Dies alles kann natürlich auch für manche Helfer selbst gelten. Die Statistiken der Sozialversicherungen in allen Ländern in denen es ähnlich organisierte Einsatzgruppen gibt, zeigen dies. Irgendwann, auch nach Jahren und mit viel Erfahrung, kann die posttraumatische Belastungsstörung auftreten. Schlafstörungen (Einschlaf- oder Durchschlafprobleme, Mattigkeit nach dem Aufwachen) können ein Hinweis auf ein solches Geschehen sein.
Wir dürfen nicht vergessen, auch wenn Menschen zeitweise sehr lange belastbar sind, irgendwann einmal kommt für jeden der Moment, wo auch die stärkste psychische Kraft geringer wird oder gar blockiert ist.
Ein paar einfache Techniken genügen aber schon, um die eigene Psyche gesund zu erhalten, Opfern von Krisen zu helfen oder Kollegen zu unterstützen.
Wir müssen uns die Psyche eines Menschen in ihrer Funktion ähnlich wie einen riesigen Schrankraum vorstellen, der im Lauf eines Lebens mit Inhalten unterschiedlichster Art vollgeräumt wird. Je nachdem ob und welches Ordnungssystem wir verwenden, ob und wie wir ausmisten, zusammenlegen oder verdichten ist unser psychischer Schrankraum aufnahmefähig, ungeordnet, am Rande der Überfüllung oder bereits nicht mehr benutzbar.

Die Notfallpsychologie ist so etwas wie eine Kombination aus „Logistikunternehmen“, „Facility Management“ und „Spezial Reinigungsservice“ in Kombination mit einem „Trainingsinstitut für spezielle psychische Angelegenheiten“, um für den Moment und die Zukunft gewappnet zu sein. Genau das und nichts Anderes.

Mag. Johann Beran ist als Notfallpsychologe Kooperationspartner der Helfer Wiens.

Als klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe und Notfallpsychologe ist er auch Kooperationspartner der Abteilung für Prävention der AUVA, des Institutes für nicht invasive Diagnostik im Joanneum Research, der ÖAR und anderer Einrichtungen zu Gesundheit und Sicherheit.